Schimmelansichten: Ein Blick hinter die Kulissen der Papierrestaurierung

Von Knotenbildern, Komplizen und der Rettung bedrohter Bücher

Als Papier- und Buchrestauratorin habe ich über meine fast 30 Jahre Restaurierung schon oft mit Schimmel Kontakt gehabt. Er ist ein gewohnter Begleiter geworden, der mich natürlich auch beruflich oft getragen hat. Aber wer ist denn er denn nun wirklich?

Starker Schimmelbefall an einer historischen Akte mit Celluloseabbau und brüchigen Papierkanten in einer Restaurierungswerkstatt
Besuch in meiner Werkstatt: Schwerer Schimmelschaden im unteren Bereich einer Akte. Hier sieht man deutlich, wie die Cellulose bereits stark abgebaut wurde – das Papier ist extrem brüchig und hat kaum noch Substanz.

Schimmel gehört nicht zur Pflanzen- oder Tierwelt, sondern zu den Pilzen. Er ist in der Natur überaus nützlich, weil er sozusagen Abfallstoffe der Natur wieder recycelt und in den natürlichen Kreislauf zurückführt. Leider ist es ihm nicht bewusst, dass der Mensch einige der „toten Materialien“ wie z.B. Papier eben noch schätzt und behalten möchte. Und da kommt es zu Konflikten.

Der Aufbau der Schimmelpilze ist gleich und doch sehr verschieden. Man geht heute von mehreren hunderttausend bis über eine Million Pilzarten aus; beschrieben ist nur ein Teil davon.

Was ist Schimmel? Definition und Biologie

Schimmelpilze sind keine biologische, systematische Gruppe. Wie definiert man Schimmelpilze, wenn die Wissenschaft sie nicht eindeutig einsortiert? Schimmelpilze als Begriff ist ein alltagssprachlicher Sammelbegriff, der für bestimmte, schnell wachsende, fädige Pilze verwendet wird und die man dann in seinem Umfeld, sei es an seinen Alltagsobjekten und auch an Wänden findet. Sie besetzen eher eine ökologische Nische als das sie eine Spezies bilden.

Im Wald würde man Schimmel kaum bemerken, da würde unsere Aufmerksamkeit eher einem Champignon oder einem Steinpilz gelten. Allen Schimmelpilzen gemein ist aber natürlich, dass sie sich von toten, meist organischem Material ernähren und sehr, sehr klein sind. Etymologisch ist Schimmel gar nicht so schlimm: Das Wort stammt vom althochdeutschen scimel ab, was soviel wie Glänzen oder Schimmern bedeutet und bezieht sich auf den weißlichen Belag, der sich bei einigen Sorten bilden kann.

Es gibt sehr viele verschiedene Schimmelarten, so viele, dass es fast unmöglich erscheinen möchte, Gemeinsamkeiten zu finden. Dennoch ist der Aufbau prinzipiell ähnlich. Ein Pilz hat ein Myzel, das aus fadenförmigen Zellen, den Hyphen, besteht. Sie sind so eine Art Wurzel und wachsen in das Substrat hinein. Und sie haben Sporenträger. Das ist oft das, was für das Auge so unangenehm sichtbar ist: der schwarze Fleck, die braune aufliegende Masse. Und alle Schimmelpilze produzieren Enzyme. Die benötigen sie, um das Material für sie nutzbar zu machen. Das heißt die Enzyme sind die Werkzeuge, mit denen sie ihr Substrat auflösen und so ihre Nahrung sichern.

Was man an der Wand, im Buch, auf dem Papier wahrnimmt, ist nie nur ein Schimmelpilz. Schimmelpilze sind, je nach Art (raster-)mikroskopisch klein und nur schwer als Einzelwesen wahrzunehmen. Auch in unserer Luft schwirren ständig irgendwelche Arten herum. Wir nehmen sie nur wahr, wenn sie Kolonien bilden und sich unheimlich vermehren, und das manchmal auch in unheimlich kurzer Zeit.

Die Schimmelproblematik: Gesundheit und Arbeitsschutz

Nun, auch wenn der Schimmelpilz in der Natur wirklich nützlich und notwendig ist, möchte man ihn nicht im Haus haben. Woran liegt das? Man hört sofort von Krankheiten, die durch Schimmel ausgelöst werden, Allergien und Problemen. Und als Restauratorin weiß ich natürlich auch, dass die Schimmelpilze, das, wozu sie da sind, auch wirklich gut machen. Sie bauen das Substrat ab.

Aber man muss immer differenzieren. Nicht alle der zehntausend Schimmelarten sind gleich gefährlich für die Gesundheit. Und nicht alle sind gleich gefährlich für das Buch, das Papier oder das Objekt.

Für die Gesundheit ist es sicherlich besser, wenn man sich lieber einmal zu viel schützt als einmal zu wenig. Es gibt sehr aggressive Arten von Schimmelpilzen, bei denen strikte Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden müssen. Aber es gibt auch solche, bei denen es nicht notwendig wäre – dazu gehört z.B. der Blauschimmel im Käse.

Welche gesundheitlichen Probleme kann man bei Kontakt mit den ‚falschen‘ Kandidaten erwarten?

Einige Pilze lösen Allergien aus, das heißt unser Körper hält ihre Sporen für Eindringlinge und verteidigt sich mit Schnupfen, tränenden Augen oder Asthma. Andere Pilze sind noch gefährlicher und produzieren wirkliche Gifte, sogenannte Mykotoxine. Die Reaktionen unseres Körpers auf diese Gifte sind weitaus stärker: unsere Atemwege werden massiv gereizt, und sogar neurologische Probleme bis hin zu Leberschädigungen sind möglich. Und zuletzt gibt es noch jene, die sich sogar in unseren Lungen oder Nebenhöhlen festsetzen können.

Das ist etwas vereinfacht dargestellt, ich bin kein Arzt. Dennoch scheinen die Probleme nicht immer sofort, sondern erst bei längerem oder intensivem Kontakt aufzutreten. Und natürlich sind da Menschen mit gesundheitlichen Vorbelastungen auch eher betroffen.

Ich möchte hier keine Panik schüren, sondern nur darauf hinweisen, dass wir als Fachleute genauer hinschauen und differenzieren müssen. Ist das nicht möglich, sollte man lieber einmal mehr die FFP3-Maske aufziehen als einmal zu wenig – und vor allem kontrollieren, ob sie richtig sitzt. Das Atmen fällt mit Maske deutlich schwerer und manche ‚Schlaumeier‘ lassen einen Spalt an der Seite offen, damit es wieder leichter geht. Merkt ihr den Fehler?

Schimmelarten in der Werkstatt: Zerstörer vs. Komplizen

Einige, mir wichtige Aspekte sind nun abgehakt. Ich werde mich nun auf die Schimmelpilze konzentrieren, die mich öfter in der Werkstatt „besuchen“ und die von mir nicht immer so freundlich aufgenommen werden, obwohl sie eigentlich nur ihren Job erledigen. So formuliert erscheint die Behandlung von Schimmel fast ungerecht. Aber selbst wenn alle Restauratoren der Welt nur noch den Schimmel bekämpfen würden – es würden wirklich genug von ihnen übrig bleiben.

Ich möchte meine Besucher gerne grob in zwei Klassen unterteilen, die für mich als Restauratorin einen Sinn ergeben: Zum einen sind es die Schimmelarten, die die Substanz bedrohen, also die Papierfasern aus Cellulose abbauen; ich nenne sie gern „Zerstörer“. Zum anderen sind es diejenigen, die Zusatzstoffe im Papier abbauen wie Leimungen, Appreturen, aber das Papier, die Cellulose, selbst in Ruhe lassen. Da sie dabei aber manchmal den Weg frei räumen für die „Zerstörer“, nenne ich sie gerne die „Komplizen“.

Die Substanz selbst ist mir natürlich wichtiger, weil sie oft nicht wieder vollständig zu ersetzen ist. Listen wir erst einmal die bekanntesten der Pilze dieser beiden Arten auf.

Die „Zerstörer“

  • Chaetomium globosum: Ich nenne ihn den ‚Knotenbilder‘. Er bildet vereinzelte, wirklich feste Knoten im Papier. Er löst die Cellulose auf und bildet eine fast verhornte Stelle, die kaum wieder zu lösen ist. Da die ehemals einzelnen Seiten an dieser Stelle nun zu einem Block verschmolzen sind, ist die Substanz hier fast immer verloren. Er tritt meist punktuell auf und verbreitet sich selten flächig.
  • Stachybotrys chartarum: Wird oft als Giftschimmel (black mold) bezeichnet. Er produziert gefährliche Gifte (Mykotoxine) und sollte nie unterschätzt werden. Er bildet dichte, runde Teppiche, die rußig wirken und schon bei sanfter Berührung schwarz abfärben. Selbst nach einer Abnahme bleibt meist ein hartnäckiger schwarz-grauer Fleck zurück.
  • Trichoderma viride: Vielleicht sollte ich ihn Grünschimmel nennen. Er ist einer der aggressivsten Cellulose-Abbauer überhaupt. Er ist wie der Name schon sagt grün und bildet- solange er frisch ist – einen dichten grünen Rasen. Wenn das Brot zu lange liegt, kannst du ihn auch dort finden.
  • Cladosporium: Tritt weniger flächig auf und zeigt sich eher in dunklen, oliv-schwarzen bis braunen Pünktchen. Er hat einen Auftrag auf dem Papier, eher samtig, stäubt auch etwas aus und sieht bei genauer Betrachtung wie winzige Büschel aus.
Makroaufnahme von fest verbackenen Chaetomium globosum Schimmelknoten auf historischem Papier mit sichtbarem Faserschaden.
Aus einem Buch entnommene, fest verbackene Knoten mit Chaetomium globosum. Jedes ist etwa 1-2 mm groß. Zurück geblieben sind kleine Löcher, aber das Buch ist wieder blätterbar.
Detailansicht von dunklem, punktförmigem Schimmelbefall auf Papier mit Anzeichen von Cladosporium-Wuchsbild
Verdacht auf Cladosporium: Das Wuchsbild und die Färbung legen diese Vermutung nahe; endgültige Sicherheit könnte jedoch nur eine mikrobiologische Laboranalyse liefern
Makroaufnahme von Schimmelpilz-Myzel auf Papier: Darstellung der Verwurzelung der Pilzhyphen tief in der Papierfaser.
Detailansicht des Befalls: Deutlich erkennbar ist der samtige Aufwuchs an der Oberfläche, während der Pilz gleichzeitig tief in der Papierstruktur verwurzelt ist.

Die „Komplizen“

  • Aspergillus niger: Der Schwarzschimmel zeigt sich durch kleine tiefschwarze Punkte und liebt Stärke. Es gibt einen Auftrag auf dem Papier, eher körnig wie Stecknadelköpfe, und bei leichter Berührung stäubt es.
  • Penicillium-Arten: Bilden oft blau-grünliche oder gräuliche Beläge und lieben den Oberflächenleim.
  • Aureobasidium pullulans: Ich nenne ihn Stockfleckli, weil er ihnen so ähnlich sieht oder sogar der Hauptverursacher selbst ist (auch andere Pilze oder Pilzkombinationen können in Frage kommen). Er zeigt typische braune bis schwarze Flecken mit dunklem Zentrum und hellerem, auslaufenden Umkreis. Er ernährt sich von kurzkettigen Cellulosen und anderen Resten der Papierherstellung, zerstört aber nicht die Faserstruktur des Papiers. Er ist eher im Papier eingebettet und eher optisch ein Problem.
  • Eurotium-Arten: Haben gelbliche oder rötliche Ausblühungen und bleiben meist oberflächlich. Dazu gehört auch der Akten- oder Archivschimmel. Im Anfangsstadium bilden sich zunächst weiße Pünktchen, die sich dann vermehren oder vergrößern. Zu Beginn ist der Schimmel meist weiß, die Farbigkeit bildet er in einem späteren Stadium aus, wenn er anfängt Sporen zu bilden. Er ernährt sich von Stärke, den Appreturen oder auch von Staub.
Weißer, punktförmiger Schimmelbefall (Eurotium) auf einem dunklen Bucheinband durch Staubablagerungen und Feuchtigkeit.
Typischer Schimmelbefall auf einem Einband: Die weißen Sprenkel deuten auf Eurotium-Arten (den klassischen Archivschimmel) hin, die sich oft oberflächlich von Staub und Appreturen ernähren.

Wieso sind diese Komplizen nicht ganz so gefährlich für die Hauptsubstanz? Jeder Pilz bildet seine Enzyme. Enzyme sind hochspezialisiert. Sie arbeiten auch nicht unter allen Bedingungen. Der pH-Wert muss stimmen, die Temperatur muss angenehm sein, es muss auch ausreichend Feuchtigkeit da sein. Nur wenn die Enzyme funktionieren, kann der Pilz Nahrung finden und wachsen. Aber diese Enzyme essen eben auch nicht alles. Wie nur ein Schlüssel in ein Schloss passt, so passt auch nur eine, spezifische Art von Nahrung in deren „Mäuler“. Es ist z.B. Cellulose, der Papiergrundstoff, oder eben Stärke, die Leimung, oder Gelatine. Vermutlich gibt es für jeden Abbauprozess in der Natur einen ausgebildeten Spezialisten in Form eines Pilzes.

Trotzdem gebe ich zu bedenken, dass die genaue Bestimmung der Schimmelpilze nicht immer augenscheinlich möglich ist. Schimmelpilze können zunächst kaum sichtbar sein und erst in der Masse oder mit zunehmendem Alter deutlich oder farblich hervortreten. Mischkulturen sind häufig; wo die Komplizen gearbeitet haben, ist oft der Weg frei für die Zerstörer. Die genaue Bestimmung können Mykologen oder Labore so viel besser.

Schimmelhilfe: Strategien zur Restaurierung und Prävention

Wie helfe ich nun? Pilze sind Organismen, die überall vorkommen müssen, denn sie müssen zum Abbauen von Substanzen ja erst einmal dorthin gelangen. Es ist müßig zu versuchen, ein Archiv vollkommen steril zu bekommen. Daher gibt es für Restauratoren zwei Aufgaben: Zum einen die Prävention, zum anderen die Reduktion.

Reduktion und Reinigung

Reduktion bedeutet das Reduzieren des vorhandenen Schimmelflors und der Schimmelsporen auf ein Maß, dass ein normaler Umgang mit dem Archivgut oder Objekt möglich ist. Das geschieht heute in einer reinen Werkbank. Dort wird der Schimmel mit Pinsel oder leichter Bürste abgenommen. Die Luft wird abgezogen und gereinigt. Was erreicht man dadurch? Man entfernt alles, was lose ist. Übrig bleiben Myzelreste („Wurzelreste“) im Papier, aber sie sind gebunden, „angewachsen“, und somit besteht keine Gefahr mehr für die Atemluft.

Papierrestauratorin bei der mechanischen Schimmelreinigung an einer reinen Werkbank mit professioneller Absaugung
Sorgfalt am Werktisch (2012): Bei der mechanischen Reinigung eines befallenen Bandes an der reinen Werkbank. Die Absaugung sorgt dafür, dass lose Sporen direkt gefiltert werden und die Gesundheit der Restauratorin geschützt bleibt.

Früher wurde viel mit Desinfektionen und Bestrahlungen experimentiert. Doch abgetötete Teile können weiterhin allergen wirken und Pilzsporen sind widerstandsfähiger als man glaubt. Ein Abfegen ist also weiterhin notwendig. Und was sagt das Buch oder Blatt dazu? Verträgt die mit Tinte handgeschriebene Urkunde eine 70%ige Alkohollösung? Es bleibt immer eine Abwägungssache.

Prävention durch Klimakontrolle

Prävention wird durch Einrichtung maßgeblich beeinflusst. Es dürfen dort, wo erhaltenswerte Dinge lagern, keine Mikroklimata entstehen, ein Luftaustausch muss stattfinden können. Wir wirken dem entgegen, indem wir ein konstantes Klima in Archivräumen, Lagerräumen und Magazinräumen einrichten. Eine Klimatisierung, die einen Wert unterhalb von 60% garantiert, ist ideal. Generell ist es clever, die Temperatur dabei abzusenken, um natürliche Abbauprozesse zu bremsen. Ein Abbürsten des Schimmels ist sinnlos, wenn man die Sachen danach wieder in die gleichen feuchten Räume bringt.

Dieser ganze Artikel basiert auf meinen Beobachtungen als Restauratorin. Ich bin keine ausgebildete Biologin und bitte daher die nicht ganz wissenschaftliche Darstellung zu entschuldigen. Natürlich bin ich offen für Kommentare – am liebsten nette – via E-Mail oder Kontaktformular.

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